Ich spüre, also bin ich!

Ich spüre, also bin ich!

Johannes Wiltschko
Ich spüre, also bin ich!
Nicht-Wissen als Quelle von Veränderung
Focusing als Basis einer Metapsychotherapie, Band II
Berlin: epubli bei Holtzbrinck 2011
3. Auflage 2021
ISBN 9783869913995
€ 19,80

„Stell’ Dir vor, Du bist als Therapeut:in in einer Therapiestunde und vergisst dort alles, was Du je über Störungen und Heilbehandlungen gelernt hast, machst Dir kein Bild über die Person, die Dir gegenübersitzt, legst einfach alles bei Seite, was Du je zu wissen glaubtest. ... Für diese radikale Haltung in jeder zwischenmenschlichen Begegnung, besonders aber in der Heilkunst „Psychotherapie“, gibt Johannes Wiltschko in diesem Buch ein leidenschaftliches Plädoyer ab.“
Dipl.-Psych. Maria-Anne Gallen

Inhalt und Leseprobe
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Aus dem Inhalt

Zu diesem Buch
„Metapsychotherapie“ – ein Stein des Anstoßes? · Kleiner Leitfaden für meine Klientinnen und Klienten

1. Focusing: Zugänge zum Kern des Ganzen

  • Über die Kunst des Müßiggangs – Die Befreiung des Egos, das Aufgehen des Ich
  • Mut zur Lücke! – Die Lösung der Probleme steckt in der Lücke · Denken mit mehr als schon Begriffenem · Das Gefängnis „Sprache“ · Entscheidungen treffen mit Hilfe der Lücke
  • Über die Angst vor dem Nichts – und die Glückseligkeit
  • Ein Werkzeug der inneren Wissenschaft für jeden Menschen
  • Über komische Konzepte und die Fortsetzungsordnung – Gendlins „komische Konzepte“ · Eine Ordnung, die weder festgelegt noch willkürlich ist

2. Die Praxis des Selbst-Focusing: Wie man sich selbst begleitet

  • Die Grundbewegung des Focusing-Prozesses – Der Felt Sense ist ein wortloses Empfinden · Erlebensraum und Erlebensmodalitäten
  • Die Grundhaltung im Focusing – Innere Achtsamkeit · Richtiger Abstand · Absichtsloses Wahrnehmen
  • Die sechs Schritte des Focusing-Prozesses: Freiraum schaffen · Einen Felt Sense entstehen lassen · Einen Griff finden · Vergleichen · Fragen stellen · Annehmen und Schützen – mit Übungen, auch zum inneren Kritiker
  • Die Anwendung von Focusing – Focusing mit sich selbst · Partnerschaftliches Focusing
  • Sehen allein genügt nicht! Wie Ihnen Ihr Körper hilft, sich richtig zu entscheiden – vier Experimente

3. Der Körper als Zentrum einer focusing-basierten Metapsychotherapie

  • Elsa Gindlers Vermächtnis · „Körper“ – was ist das eigentlich?
  • Der von innen gefühlte Körper: die Quelle nachhaltiger Veränderungsschritte – Implizites Erleben ist nicht unbewusst · Der Körper impliziert den nächsten Schritt
  • Das körperorientierte Vorgehen in der Focusing-Therapie – Verweilen am Rand des Erlebens
  • Beziehung als körperliche Resonanz – Kongruenz · Empathie · Verstehen · Übertragung

4. Träumen und Denken

  • Über das Träumen – Eine Methode der Traumdeutung
  • Über zwei Formen des achtsamen Seins: personzentriertes Focusing und phänomenzentriertes Schauen
  • Focusing als Fahrzeug des Denkens – Konzepte bauen die Welt · Wir sind Experten für frisches Denken
  • Focusing und der personzentrierte Ansatz – Focusing als Konzeptgenerator

5. Der Knackpunkt jeder Psychotherapie: strukturgebundenes Erleben und Verhalten

  • Brauchen wir eine „Psychopathologie“ in der personzentrierten Psychotherapie?
  • Strukturgebundenes Erleben – Gendlins Konzept · Teufelskreise und Wiederholungscharakter · Die Entstehung strukturgebundener Phänomene
  • Umgangsweisen mit Strukturgebundenheit – Freiraum als Antagonist zur Strukturgebundenheit

6. Focusingorientierung exemplarisch: Supervision und Aufstellungen

  • Alle dienen der Königin! Focusingorientierte Kollegiale Supervision
  • Focusingorientierte Aufstellungen

7. Eine Metapsychotherapie als Kontrapunkt zum gegenwärtigen Trend
Was ist evidenzbasierte Psychotherapie? · Einige Meta-Basics · Mein Credo der Focusing-Therapie

Leseprobe

Aus dem Vorwort „Zu diesem Buch“:

Lehrbücher pflegen Erleben totzuschlagen. Erleben ist immer unmittelbar und im Augenblick, und es ist der „Stoff“, aus dem Psychotherapie in erster Linie besteht. Erleben ist die Quelle unseres Erkennens und Verstehens der Welt, auch der Psychotherapie-Welt. Und es hat seine eigene Ordnung. Sie passt nicht in ein Lehrbuch. Dennoch können dieser Quelle Wörter entspringen. Sie habe ich in diesem Buch gesammelt und mit ihrer Hilfe zu beschreiben versucht, was Psychotherapie ausmacht.

35 Jahre Praxis als Psychotherapeut und Psychotherapieausbilder spiegeln sich in den Texten wider, die ich für dieses Buch ausgewählt, bearbeitet und teilweise neu geschrieben habe. Durch sie scheint hindurch, was eine „Metapsychotherapie“ abgeben könnte als Grundlage für ein tiefes und umfassendes Verständnis und für eine Praxis dessen, was ich als Psychotherapie bezeichnen möchte.

Zur Wortwahl „Metapsychotherapie“:

„psycho-“ heißt auf Altgriechisch „ich hauche, ich atme, ich lebe“; psyché bedeutete ursprünglich „Hauch, Atem“ als Zeichen für Belebtheit, Lebendigkeit, Lebenskraft, ja für Leben überhaupt. „-therapie“ entstand aus dem altgriechischen therapeía, was so viel wie Dienst, Pflege bedeutete. Als therápon wurde der Diener, der Gefährte und Begleiter bezeichnet.

Mit „Psychotherapie“ möchte ich daher das Begleiten des Atmens, das Begleiten und Unterstützen der Lebenskraft, also des Kostbarsten und Wertvollsten einer Person bezeichnen, und „Psychotherapeut“ soll sein, wer sich als Gefährte eines anderen (und seiner selbst) in den Dienst des Lebens, der Lebendigkeit stellt.

Ich verstehe „Metapsychotherapie“ nicht als eine Abstraktion, die über den therapeutischen Schulen und Methoden als überschirmendes Dach schwebt, sondern umgekehrt als einen gemeinsamen Nährboden, aus dem verschiedenste Formen der Psychotherapie herauswachsen können.

Aus dem „Kleinen Leitfaden für meine Klientinnen und Klienten“:

Psychische Probleme – also schwer erträgliche Stimmungen, innere Konflikte, körperliche Dysfunktionen, Beziehungsschwierigkeiten – sind keine Krankheiten. Sie weisen auf etwas hin, das leben möchte, aber aus unterschiedlichsten (meist verborgenen) Gründen nicht leben kann. Psychische und psychosomatische Symptome sind zwar oft sehr unangenehme, aber dennoch „richtige“ Phänomene, die nicht bekämpft, sondern beachtet werden wollen.

Den Körper von innen zu spüren, dem körperlichen Spüren Raum zu geben, bei ihm zu verweilen, dem Körper Fragen zu stellen und auf seine Antworten zu horchen ist etwas, das man lernen kann. Das dauert bei manchen Menschen einige Wochen, manche können es schon nach ein paar Stunden. Aber jeder kann es lernen.

Dort, wo die Worte ausgehen, um zu beschreiben, was los ist, beginnt der eigentliche Veränderungsprozess. Schweigen und Nichtwissen sind die Keimzelle für Neues – und genau das suchen wir in der Therapie.

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